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Nach zwei Jahren im Ruhrgebiet

Filmbesprechung im endstation.club, Bochum

Nach zwei Jahren im Ruhrgebiet

von: 
Alexis Rodríguez Suárez

Seit etwas mehr als zwei Jahren lebe ich in Bochum und spüre allmählich, dass ich dort schon angekommen bin. Das ist nicht der Fall bei allen Menschen, die genau wie ich schon ein paar Jahre oder mehr in der Region leben. Es gibt leider sogar viele, die zwar eine lange Zeit im Ruhrgebiet leben, die aber immer noch nicht vollständig angekommen sind. Sie warten weiterhin.

Es ist auch schon mehr als zwei Jahre her, dass Kunst- und Kulturprojekte im Rahmen von Interkultur Ruhr (IKR) ins Leben gerufen worden sind. Durch eine Verkettung glücklicher Zufälle lernte ich einen Mitarbeiter aus dem Team von Interkultur Ruhr kennen. Was ich damals nicht ahnen konnte, war, dass dieses Zusammentreffen der Beginn eines gemeinsamen Weges voller Entdeckungen, Abenteuer und Zusammenarbeit sein würde, der mir dabei helfen würde, anzukommen.

Aus diesem Grund schreibe ich heute aus der Perspektive und der Position von jemandem, der die Erfahrung gemacht hat, eine neue Gesellschaft zu entdecken und mit ihr zusammen auszuhandeln, wo er sich befindet. Ich musste mich dabei zwar der Herausforderung stellen, eine neue Sprache zu lernen, andere gesellschaftliche und bürokratische Gepflogenheiten zu verstehen und einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen – aber ich war auch privilegiert im Gegensatz zu anderen Menschen, für die es aus strukturellen oder persönlichen Gründen viel schwieriger ist, hier einen solchen gemeinsamen Weg einzuschlagen.

Der gemeinsame Weg

In den letzten zwei Jahren war in der Region viel los. Ich möchte mich jetzt nicht in viele Einzelheiten verlieren, sondern mich im Folgenden auf einige der Auswirkungen beschränken, die diese Ereignisse auf unsere Umgebung und auf diesen gemeinsamen Weg hatten: Die Begriffe „Immigration“ und „Flüchtlinge“ nahmen die Schlagzeilen ein und zogen sich auf verschiedenen Ebenen durch die Diskussionen in unserer Gesellschaft. Das Projekt IKR machte dabei keine Ausnahme, war sein Hauptanliegen doch, die Möglichkeiten der Interkulturalität im Kunst- und Kulturbetrieb zu ergründen. Im Jahr 2016 interessierten sich die Beteiligten dafür, was mit und um die Personen passierte, die einen Asylantrag gestellt hatten. Auf diese Weise entstanden in verschiedenen Städten Initiativen, die sich der Aufgabe widmeten, Kunst- und Kulturprojekte mit diesen neuen sozialen Akteuren auf die Beine zu stellen.

Parallel dazu organisierte sich 2016 der "Refugee Strike Bochum", eine Bewegung, die auf ihre prekären Bedingungen aufmerksam machte und konkrete Antworten und Rechte einforderte. Der öffentliche Raum wurde von Personen besetzt, die sich dadurch sichtbar machten. Andere Initiativen und Gruppen begannen, ein Teil dieser vitalen Landschaft zu werden. Im Laufe des Jahres lernten sich viele der involvierten Akteure mit der Zeit kennen, und eine Karte, die sich aus verschiedenen Personen, Gruppen, Organisationen und Orten zusammenfügte, öffnete sich meinen Augen. Soziale Vernetzung und das daraus entstehende Gefüge sind wichtig, um das Gefühl von Vereinzelung und Einsamkeit zu überwinden, indem die Betroffenen andere Menschen kennenlernen, die dieselben Zustände bekämpfen wie sie selbst und somit zu Verbündeten werden können. In Verbindung miteinander zu bleiben ist ein entscheidender Faktor, damit irgendeine Initiative oder Bewegung entstehen kann.

Das Ergebnis eines solchen Bündnisses war die gemeinsame Teilnahme von IKR und dem Refugee Strike Bochum am "Co-Creation Forum" in Oberhausen. „Beyond Protest“ war der Titel des Workshops, den die Mitglieder des Refugee Strike Bochum in dessen Rahmen veranstalteten. Die Forderungen und Erfahrungen aus Bochum trafen bei anderen Teilnehmern auf Resonanz und wurden aufgenommen. Damit wurden, wie ursprünglich geplant, wieder neue Verbindungen geknüpft. Dieses Projekt fand im Gedanken eines "MIT-Einanders" statt: Mit den anderen statt für die anderen. Was jeden unserer Schritte auf dem gemeinsamen Weg der letzten zwei Jahre begleitet hat, waren folgende Infragestellungen: Wie geht man zusammen mit anderen? Was brauchen wir, um unsere Gesellschaft durchlässiger zu machen? Wie können wir Teilhabe nach ganz vorne stellen?

Die Anderen im Spiegel

Als Patrick Ritter und ich die Aufgabe übernahmen, die Projekte, die IKR 2016 finanziert hatte, zu dokumentieren, wollten wir wissen, in welcher Form die Projekte die Rolle der Teilnehmenden innerhalb des jeweiligen Projekts gedacht und konzipiert hatten. Die Rolle der Teilnehmenden an Kunst- und Kulturprojekten spiegelt für gewöhnlich die Position innerhalb der Gesellschaft wider, die für die anderen vorgesehen ist und damit auch die Fähigkeiten und Befugnisse, die ihnen zugeschrieben werden. Mit anderen Worten: Das Anderssein wird reproduziert, sobald die Rolle im Projekt definiert wird – es handelt sich um eine Projektion unserer Idee vom Anderen. Und je nach Betrachter kann diese Projektion bestimmte Eigenständigkeiten und Fähigkeiten entweder beinhalten oder sie komplett ausschließen.

Wir können nicht ignorieren, dass in unserer Gesellschaft die strukturellen Rahmenbedingungen dafür vorherrschen, dass die Verschiedenheit des Anderen oft zu Ungleichheit wird. Aus diesem Grund entstehen Klüfte, die schwer zu überbrücken sind. Diesen Mechanismus zu erkennen sollte die Alltäglichkeit unserer Arbeit in Frage stellen. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre haben uns die Möglichkeit gegeben, über unsere Praktiken nachzudenken und unsere eigenen Privilegien zu erkennen. Ich bin der Ansicht, dass man nur mit einem Bewusstsein über diese Privilegien Impulse setzen kann, die die anderen dazu befähigen, Teil dieser Gesellschaft zu werden; und dass man sich dadurch eigene Privilegien zu Nutze machen kann, um die soziale Ordnung umzugestalten, um gerechtere Teilhabemöglichkeiten zu schaffen und um uns zu vergewissern, dass die anderen für uns da sind und dass wir den Ort, an dem wir zusammenleben, gemeinsam verwandeln können.

Wir haben es mit einem komplexen und schmerzvollen Prozess zu tun, der beinhaltet, dass das ideologische System, das nur einige Handlungsweisen rechtfertigt und vorzieht, erkannt wird. Er führt dazu, dass die Mechanismen der Herrschaft sichtbar gemacht werden und dass wir uns darin wiedererkennen können. Dies bedeutet, dass wir begreifen, an welcher Stelle wir im System stehen und wie sie uns wiederum zur Verfügung steht. Sobald wir dies erkennen, können wir unsere Arbeit von dieser Stelle wegbewegen. Die kulturellen und künstlerischen Praktiken können nur politisch werden, wenn sie es schaffen, die ihnen zuvor zugewiesene Stelle zu verlassen. Wenn Grenzen zwischen Disziplinen verwischen, wenn wir uns von den Einschränkungen der Institutionen befreien, wenn man die Machtbeziehungen in unserer Arbeitsweise überdenkt und wenn wir die Logik von Urheberschaft, Zusammenarbeit und Entlohnung neu definieren, erst dann können wir bewusst und transformierend arbeiten.

Gemeinsam gehen

In den letzten zwei Jahren haben wir auf dem gemeinsamen Weg in Dorsten, Dortmund, Gladbeck, Oberhausen, Duisburg, Essen, Mülheim an der Ruhr, Herne, etc. Orte entdeckt und Menschen kennengelernt. Während dieser Begegnungen konnten wir Erfahrungen und Ideen sammeln und außerdem darüber nachdenken, welche großen Herausforderungen die Gesellschaft zu bewältigen hat, damit andere miteinander arbeiten können. Wir waren in Theatern, Schulen, kulturellen Zentren, Kinos, akademischen Einrichtungen, öffentlichen Bibliotheken, aber auch auf Straßen, in der Kneipe an der Ecke, oder zu Hause bei Personen, die uns zu Tee und einigen Geschichten eingeladen hatten. Aber auf diesem gemeinsamen Weg gab es auch einige Halte, an denen wir überlegten, wie wir überhaupt gemeinsam gehen konnten: „Miteinander arbeiten – aber wie? Partizipation, Entlohnung, Ziele und Aufgaben“ war der Titel einer dieser Arbeitssitzungen. Wir sahen ein, dass man beim interkulturellen Kontakt und in der interkulturellen Arbeit Übersetzungsstrategien entwickeln und Kommunikationsbrücken über das Gesprochene hinaus entwickeln muss. Unter dem Stichwort „Sprache ist Macht“ wurde eine Diskussionsrunde veranstaltet, in der Formen des Zusammenlebens in einer multilingualen Gesellschaft besprochen wurden. Ich erinnere mich an den Satz eines Teilnehmers im Filmgespräch, der sagte: „You don’t know how clever I am when I speak my language“. Wir erkundeten Viertel in Begleitung von Soundtracks, durchstreiften Plätze und erlebten das, was als nachhaltige Quartiersarbeit bezeichnet wird. Eine Gruppe von Kindern begleiteten wir von ihrer provisorischen Unterkunft bis zum Kino.

All diese Erfahrungen münden in eine gemeinsame Idee: die der Teilhabe. Das bedeutet, sich aktiv, kommunikativ und konzeptionell an etwas zu beteiligen, das vielen Teilnehmenden gemeinsam gehört. Die Zusammenarbeit zwischen mehreren Menschen, die zum Ziel hat, etwas Neues zu konstruieren, kann als Prozess verstanden werden, in dem man vom Ich zum Wir gelangt. Teilhabe versteht sich demnach auch als Fähigkeit, einen Ort in das zu verwandeln, wie man ihn gern hätte: Gemeinsam neue Formen der Verwendung von Kinos zu finden; neue Wege des Tanzens, des Nachrichtenlesens und auch -schreibens; neue Möglichkeiten, sich ein Viertel vorzustellen, Musik zu hören oder auch zu produzieren.

Die partizipative Praxis im Kunst- und Kulturbetrieb muss ein Prozess sein, über den die Teilnehmenden informiert sind. Alle Personen, die denselben Weg gemeinsam beschreiten, sollten wissen, was und wie sie teilen. Die Entscheidungsfähigkeit dieser „Wanderer“ ist unabdingbar dafür, sich für eine Richtung zu entscheiden, dem Verlaufsplan folgen zu können, und mit jedem Schritt zusammen auf dem eingeschlagenen Kurs einen Pfad zu bilden – und ihn letztendlich zu bewerten und darüber zu reflektieren, was man gemeinsam geschafft hat.

Wenn ich heute auf diese zwei Jahre im Ruhrgebiet zurückblicke und daran denke, was ich auf diesem gemeinsamen Weg gelernt habe, erscheint es mir sinnvoll, diese Erfahrung auf andere Bereiche unserer Gesellschaft auszudehnen, um sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der Interkulturalität etwas beständiges und transversales ist und allen, die hier leben, langfristige Teilhabemöglichkeiten bietet. Eine Gesellschaft, die die Menschen nicht warten lässt, sondern ihnen erlaubt, anzukommen.

Alles bewegt sich

Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sehe ich, dass alles in ständiger Bewegung ist: Die Körper im Community Tanzprojekt in Duisburg, die Bilder auf der Leinwand des endstation.club in Bochum, die Geschichten und Buchstaben der Zeitung Neu in Deutschland, die Gerüche und Geschmäcke der Refugees’ Kitchen, die Geräusche und Rhythmen des globalen Südens von Cómeme Records, die Hip-Hop-Herzen auf der Bühne von Expedition Hip Hop in Herne. Alles bewegt sich, Personen, Produkte, Bedeutungen. Unsere Umgebung ändert sich ständig: die Straßenbilder, die Mode, wir selbst. Wir sammeln unsere Erfahrungen zusammen, eine nach der anderen, und fügen sie unseren Biographien hinzu. Wir fällen Entscheidungen, die uns mit jedem neuen Schritt ein wenig verändern. Wenn nun aber alles offensichtlich in ständiger Bewegung ist, wie kommt es dann, dass wir weiterhin an einer so statischen und monolithischen Idee wie der Kultur festhalten? Ich glaube, dass die Herausforderung, der wir uns stellen müssen, folgende ist: Zu lernen, in Bewegung zu leben, wenn wir wollen, dass der Weg ein gemeinsamer ist. Unsere Herausforderung ist, eine Möglichkeit zu finden, damit der Impuls von Interkultur Ruhr und das, was wir auf diesem gemeinsamen Weg alles gelernt haben, sich in einen Samen verwandelt, der überall in der Gesellschaft aufsprießt. Um eine Form des Zusammenlebens zu finden, die darauf basiert, zu übersetzen, zu kommunizieren und gemeinsam Neues zu schaffen, statt in festzementierten Begriffen über bestimmte Personen und Dinge zu denken. Die Herausforderung liegt darin, bewusst gemeinsam in Bewegung zu leben.

 

R. Alexis Rodríguez Suárez (PhD), 1977 in Cuernavaca (Mexiko) geboren, ist Sozial- und Kulturanthropologe mit postgradualem Studium im Fach „Youth Studies and Youth Policies” und PhD in Stadtanthropologie. Zwischen 2004 und 2010 arbeitete er in Spanien und Polen in Forschungsprojekten über Migration und Jugendkulturen an verschiedenen Universitäten. 2010 begann er damit, in verschiedensten Projekten Erfahrungen im Bereich Participative Action Research zu sammeln. Seit 2014 lebt er in Deutschland und ist als Mitarbeiter in soziokulturellen Projekten des „ABC Bildungs- und Tagungszentrums“ tätig und hat als Gastforscher an der HafenCity Universität Hamburg in der Abteilung „Kultur der Metropole“ mitgewirkt. Seine Forschungsschwerpunkte und Interessensgebiete sind: Migration, Jugend, kulturelle Praktiken, angewandte Sozialforschung, koedukative Graswurzel-Projekte, audiovisuelle und digitale Medien als Forschungsmethoden und grenzübergreifende Projekte. Im Rahmen von Interkultur Ruhr hat er sich u.a. an Filmprojekten des Kino Endstation in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum beteiligt, sowie an der Dokumentation des Förderfonds Interkultur Ruhr 2016.

Alexis Rodríguez Suárez
Förderfonds Interkultur Ruhr 2016
Beyond Protest. Refugee Strike Bochum beim Co-Creation-Forum MIT am 07.09.2016 bei kitev in Oberhausen
MIT! Workshops, Konzerte und gutes Essen in einer ko-kreativen Gesellschaft am 07.09.2016 bei kitev in Oberhausen
Dokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2016
Kunst- und Kulturprojekte von und mit Geflüchteten: Förderfonds Interkultur Ruhr 2017
Netzwerktreffen Interkultur Ruhr zum Thema "Miteinander arbeiten – aber wie?", 21.11.2016, Bahnhof Langendreer, Bochum
Uncommon Ground: Koproduktionen Interkultur Ruhr 2016/17
Netzwerktreffen Interkultur Ruhr zum Thema "Übersetzen. Zusammenarbeit in einer multilingualen Gesellschaft", 03.07.2017, Ringlokschuppen, Mülheim an der Ruhr
Uncommon Ground: Residenzprojekte Interkultur Ruhr 2016/17
Netzwerktreffen Interkultur Ruhr zum Thema "Weltmusik 2.0 – Gespräche zu Folklore, Weltmusik und Global Pop", 23.11.2017, Katakomben-Theater, Essen
Filmbesprechung im endstation.club, Bochum 2017
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