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Über den Familienfilm – Gespräch mit Paolo Simoni

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Über den Familienfilm – Gespräch mit Paolo Simoni

von: 
Geremia Carrara

Interkultur Ruhr sammelt 2018 für das Projekt "Schmelztiegel Ruhrgebiet – Alltag schreibt Geschichte"" Familienfilme der 1950er bis 1980er Jahre zu den Themen Leben und Ankommen im Ruhrgebiet. Das Originalmaterial wird digitalisiert und dem zukünftigen Filmarchiv der Mediathek Ruhr auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein übergeben. Beim Tag der Trinkhallen am 25. August 2018 wird eine Auswahl der Filme in mehreren Trinkhallen („Filmbuden“) prominent präsentiert. In diesem Zusammenhang veröffentlichen wir ein Gespräch mit Paolo Simoni, Mitbegründer und Leiter des Nationalarchivs für Familienfilm und Home Movies in Bologna, das der Kölner Filmemacher und Künstler Geremia Carrara vor einiger Zeit mit ihm führte.

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Geremia Carrara: Zu allererst möchte ich dich bitten, uns zu erklären, was das Nationalarchiv für Familienfilm und Home Movies genau ist.

Paolo Simoni: Das Nationalarchiv für Familienfilm und Home Movies ist ein historisches Archiv, in dem private audiovisuelle Zeitzeugnisse aus Italien zusammengetragen und aufbewahrt werden. Das Archiv sammelt privates Filmmaterial, das im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden ist, genauer gesagt in der Zeit, in der sich die Schmalfilmformate (16mm, 9,5mm, 8mm, Super8) entwickelten, also von den frühen Zwanzigerjahren bis zu den späten Achtzigern. Danach stellte der Amateurfilm auf Videotechnologie um. Das ist, kurz gesagt, das Archiv.

Seit wann gibt es das Archiv?

Das Archiv gibt es seit etwa zehn Jahren. Das Projekt ist ohne öffentlichen Auftrag und Förderung aus der Initiative einer Gruppe von Personen hervorgegangen, die sich für das Thema interessierten. Ihnen war aufgefallen, dass es bis dato keine Einrichtung zur Sammlung und Konservierung solcher Aufnahmen gab. Für dieses Fehlen gab es allerlei Gründe. Erstens hatte man diese Filme nie als kulturelles Erbe betrachtet, das aufbewahrt und zukünftigen Generationen weitergegeben werden sollte. Zweitens waren diese Materialien nach landläufiger Meinung auf rein filmischer Ebene wenig oder gar nichts wert. Man betrachtete sie als Filmerzeugnisse, die absolut nichts Nennenswertes zu bieten hatten.

Was macht denn diese Filme so besonders, dass sie einen Ort verdienen, an dem sie gesammelt und aufbewahrt werden?

Diese Filme dokumentieren das Leben von Menschen, also nicht zuletzt soziale Phänomene. Familienfilme betreffen besonders die Geschichte der Familie. Sie werden anlässlich von Ritualen und Festen realisiert und konservieren diese. Wenn wir uns heute solche Filme ansehen, erfahren wir einerseits, welche Rolle die Familie im modernen Privatleben des 20. Jahrhunderts gespielt hat. Andererseits bekommen wir es konkret mit Geschichten und Biografien Einzelner zu tun. Die sind den Familienfilmen natürlich nicht explizit eingeschrieben – schließlich handelt es sich nicht um konstruierte Erzählungen, wie bei einem klassischen Film. Solche Familienaufnahmen funktionieren eher wie bewegte Fotoalben. Sie rufen die verschiedenen Lebensgeschichten auf und helfen, sie nachzuverfolgen und zu rekonstruieren. Geschichten und Biografien, die uns die gesellschaftlichen Veränderungen eines ganzen Jahrhunderts nahebringen.

Wodurch zeichnet sich der Familienfilm in ästhetischer Hinsicht aus?

In mancherlei Hinsicht führt uns die Ästhetik der Familienfilme zurück zu den Ursprüngen des Kinos: In diesen Aufnahmen begegnet uns (wie in den ersten Kinofilmen) ein Blick, der im Angesicht der Welt erstaunt und ihr ungefiltert begegnet. Filme, in denen sich noch keine komplexe Sprache mit Regeln, Tabus und, wie André Bazin sagte, Verboten abgelagert hat. Ein wunderbares Beispiel ist der direkte Blick in die Kamera: eine ungemein starke Geste, die die Grundillusion des Kinos zum Einsturz bringt, weswegen der Spielfilm sie auch von einem bestimmten Punkt an aus seinem Vokabular verbannt hat. Im Familienfilm hingegen gehört der Blick in die Kamera seit jeher zu einer der wichtigsten ästhetischen Figuren – schließlich ist der Bezug zwischen dem Filmenden und dem Gefilmten in diesen Filmen ein direkter. Der Blick des Filmenden und der Blick dessen, der gefilmt wird, treffen sich: Zwischen „Regisseur“ – nennen wir ihn einfach mal so – und „Darsteller“ besteht eine enge emotionale Verbindung, in der Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Familienfilm ist Beziehungsfilm. Außerdem hat die Geste des Filmens selbst einen enormen Stellenwert. Die kleinen Amateurkameras werden quasi Teil des Körpers, sie bilden eine Art Körperanhang, der die Aufnahme möglich macht.

Wir können also sagen, dass diesem Filmgenre der große technische Apparat des Kinos fehlt.

Ganz genau. Den gewichtigen Apparat des Leinwandkinos, mit dem man immer die Überlegenheit der Maschine gegenüber dem Menschen und die große Macht der Technik verbindet, gibt es hier nicht. In dieser Hinsicht gehört der Familienfilm in eine bestimmte Teilströmung des Dokumentarkinos, die sich leichterer Instrumente bedient. Das Kino hat aber auch immer wieder auf Amateurtechniken zurückgegriffen. Der berühmte Sechzehnmillimeterfilm war ursprünglich Amateurmaterial – erst im zweiten Schritt hat man ihn für den professionellen Gebrauch entwickelt. Aber kommen wir auf die Geste zurück. Amateuraufnahmen hängen stark vom Körper des Filmenden ab, zum Beispiel von seiner Körpergröße. Dieses Filmgenre kann einfach nicht auf die im Kino üblichen Werkzeuge wie zum Beispiel einen Kamerawagen zurückgreifen. So geschieht es schon mal, dass diese spontan erfunden werden: Für Aufnahmen von oben funktioniert man einfach einen Stuhl um. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, was für eine große Faszination der Familienfilm für das Filmen an Bord eines fahrenden Transportmittels hegt. Auch das ist ein Charakteristikum des Familienfilms: Aufnahmen, die von einem Zug, Schiff oder Flugzeug aus gemacht wurden.

Eine Faszination für das Filmen von Bewegung.

Sicherlich. Für das Filmen von Bewegung und für das Filmen in Bewegung, also von einem Fortbewegungsmittel aus: aus der Seilbahn, aus dem Aufzug des Eiffelturms und so weiter. Diese Eigenschaft des Familienfilms führt uns im Grunde zu den allerersten Bildern in der Geschichte des Kinos zurück, als es noch keine Gerätschaften gab, mit denen man die Kamera in Bewegung versetzen konnte. Die ersten Aufnahmen in Bewegung hat man tatsächlich in Transportmitteln gemacht, indem man zum Beispiel die Kamera vorne an einen fahrenden Zug montierte. Diese Bilder gehören zu den ersten der Kinogeschichte und somit auch zu den faszinierendsten. Alfred Hitchcock hat mal gesagt, dass die ersten Kinofilmbilder, die er in seinem Leben sah, genau solche Aufnahmen waren und dass sie deswegen seine Vorstellung vom Kino entscheidend prägten. Filmgeschichtliche Grundelemente wie diese finden sich eben auch im Familienfilm.

Auf der einen Seite erzählen Familienfilme also vom gesellschaftlichen Alltag und von der Zeit, in der sie gedreht wurden. Auf der anderen Seite erzählen sie auch die Geschichte des Kinos selbst.

Ja, genau das denke ich (und andere Wissenschaftler) über dieses Filmgenre: Der Familienfilm in seinen vielen verschiedenen Spielarten gehört in die Geschichte des Kinos. Dabei hat man diese filmischen Formen im Laufe der Kinogeschichte immer wieder ausgeschlossen oder disqualifiziert, da das Kino von einem bestimmten Moment an nur noch als professionelle oder sogar industrielle Aktivität verstanden wurde, als Spektakel. Irgendwann im Laufe seiner Entwicklung ist das Kino zur kolossalen Maschine geworden, zur großen Traumfabrik, wobei der Akzent gewiss auf „Fabrik“ liegt.

Und Familienfilme sind keine Traumfabriken?

Auch, aber im Kleinen. Sie sind insofern Traumfabriken, als sie mit dem Traum, mit der Legende der Familie zu tun haben, die man sich auf bestimmte Weise erzählt und dann aber auf andere Weise lebt. Mit diesen Filmen wird Zeugnis vom Glück und von der Harmonie der Familie abgelegt.

Im Familienfilm wird also nie Traurigkeit dargestellt?

Manchmal tauchen auch in diesen Filmen Probleme auf, aber eher zufällig. Manche Familienfilme halten auch unschöne Momente des Daseins fest, die nicht herausgeschnitten werden. Aber im Allgemeinen ist der Familienfilm ein Fest des Friedens und der familiären Harmonie. Familienfilme liefern harmonische Bilder, die man vor allem sich selbst schenken will. Der schmerzhafte und konfliktgeladene Teil des Familienlebens, den alle Familien kennen, fehlt in diesen Filmen, so wie nahezu alles, was zur negativen Seite des Daseins gehört.

Dabei zeigt der Familienfilm ja nicht nur die Familie. Auch andere Dinge wie Reisen oder Landschaften spielen eine Rolle.

Klar, unter den Home Movies finden wir alles mögliche, nicht nur Filme, die von verschiedenen Momenten des Familienlebens zeugen. Wie gesagt rechne ich diesem Genre viele verschiedene Formen zu. Ich habe vorhin einige davon aufgezählt, darunter auch den Tagebuchfilm, den filmischen Lebensbericht in der ersten Person. In den Filmen aus den Zwanzigerjahren, die wir im Archiv aufbewahren, ist die Familie ein Thema, aber vor allem sind die Personen, die hinter der Kamera stehen, große Liebhaber der Technik, des Kinos und der Fotografie. Sie wollen mit der Kamera experimentieren und verstehen sie als Kamera-Stift, wie es der Theoretiker und Regisseur Alexandre Astruc Ende der Vierzigerjahre nannte. Sie gebrauchen die Kamera also wie eine Art Stift, mit dem sie Notizen zum eigenen Leben machen und die eigene Familie, die eigene Arbeit, die eigenen Reisen und überhaupt alles, was ihnen begegnet und was sie im Gedächtnis behalten wollen, betrachten können. Der Film ist ein Gedächtniswerkzeug.

Wenn wir solche Filme anschauen, sind wir vor allem von ihrem Bezug zur Zeit fasziniert, von der Tatsache, dass sie einen Zeitraum eingefangen und aufbewahrt haben. Inwiefern war diese zeitliche Dimension den Filmemachern bewusst und wichtig?

Viele Amateurfilmer griffen tatsächlich genau deswegen zur Filmkamera, weil sie eine gewisse Zeitspanne aufnehmen, aufbewahren und in ihrer ursprünglichen Dauer und Chronologie wiedergeben wollten. Manchmal wird der Film aber auch zur Feier der Gegenwart und des Augenblicks genutzt. Das gilt übrigens auch für den Moment, in dem sich die Familie versammelt, um die Aufnahmen anzusehen. Dann wird nämlich eine ganze Reihe von Dynamiken ausgelöst. Manchmal ist also der Moment, in dem die Aufnahmen zusammen angeschaut werden, fast wichtiger als der Film selbst. Die Tatsache, dass man im Familienfilm oft die selben Personen über einen längeren Zeitraum sehen kann (zum Beispiel die Tochter, die vom Säugling zur Frau heranwächst), macht den Aspekt des Zeitlichen für dieses Genre so wichtig. Außerdem glaube ich, dass der Zeitaspekt im Familienfilm unter anderem auch deswegen so entscheidend ist, weil bestimmte Formate, insbesondere Kleinfilmformate wie 8mm oder Super8, das Vergehen der Zeit noch stärker erfahrbar machen. Das hat wohl mit der Beschaffenheit des Filmstreifens zu tun. Das im Kino übliche 35mm-Format bietet gute Restaurations- und Digitalisierungsmöglichkeiten und kann so diese besondere Beschaffenheit nicht aufweisen. Wenn wir Filme restaurieren, versuchen wir dennoch nicht, alle Fehler und Abschleifungsspuren auszumerzen, wie man das bei 35mm-Filmen macht. Kratzer auf dem Filmstreifen oder ausgeblichene Farben tragen auf jeden Fall dazu bei, den Bezug dieser Filme zur vergehenden Zeit für den Betrachter erfahrbar zu machen. Wir erhalten die Spuren der Vergangenheit, sie gehören zur Geschichte dieser Filme und zum Unterschied zwischen dem Heute und dem Moment ihres Entstehens.

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender technologischer Veränderungen, die nicht zuletzt das Bild, seine Herstellung und Wiedergabe betreffen. Diesbezüglich möchte ich dich jetzt fragen, welche Rolle das Amateurkino im Zeitalter von YouTube und Co. spielt.

Wie die ganze Welt des Audiovisuellen hat sich auch der Amateurfilm in den letzten Jahren sehr stark gewandelt. Einige unserer altbewährten Definitionen wurden regelrecht über den Haufen geworfen. Wir haben zum Beispiel immer vom „privaten Film“ gesprochen – heute hingegen bewegen wir uns fast immer im öffentlichen Bereich. Heutzutage entsteht ein Amateurvideo meistens nicht für den privaten, intimen Gebrauch, wie es früher einmal war, sondern für ein riesiges Publikum aus mehreren Hundert, Tausend, Millionen potenziellen Zuschauern im Netz. Meiner Meinung nach erlaubt es der Amateurfilm heute, an der Gesellschaft des Spektakels teilzunehmen, die Guy Debord beschrieben hat. Der private Familienfilm von früher ist einem anderen Bereich zuzurechnen, dem der Intimität, einer wahrhaftigen Intimität, grundlegend anders als jene vermeintliche Intimität, die im Grunde nur Selbstdarstellung ist. Auch im Familienfilm kann es Selbstdarstellung geben, aber hier funktioniert sie anders als die zeitgenössische Variante à la YouTube. Heute haben alle Menschen mit ihrem Smartphone gleich auch eine Filmkamera in der Hand. Jeder kann filmen, denn das Filmen ist sehr einfach geworden. Schon der Super8-Film hatte das Filmen im Vergleich zu herkömmlichen Systemen und Formaten aus technologischer Sicht stark vereinfacht und als der Super8-Film auf den Markt kam, sprach man von einem Massenphänomen. Mit Videotechnologie und Smartphones sind wir noch einen Schritt weitergegangen und können nunmehr wirklich sagen, dass heutzutage jeder filmen kann.

Natürlich kann heute jeder filmen, aber dann bestehen diese Filme meistens auch nur aus einfachen Plansequenzen. Früher war das filmische Handwerkszeug variantenreicher. Zum Beispiel finden wir in den Familienfilmen Ansätze eines Schnitt- und Montageverständnisses, das sich bereits im Aufnahmeprozess ausdrückt.

Ja, das stimmt zum Teil. Viele Amateurfilmer montierten bereits während der Aufnahme und es gibt auch Fälle nachträglicher Montage am Schneidetisch. Was deine Überlegung zur Plansequenz angeht, möchte ich betonen, dass man früher sehr sparsam mit dem Filmmaterial umgegangen ist. Schließlich war das Filmen ein teurer Spaß: Im Fall von 8mm und Super8 konnte man mit einer Filmkassette drei Minuten aufnehmen, beim 9,5mm-Film waren es nur anderthalb. Also hat man im Vorhinein sehr viel und sehr genau darüber nachgedacht, was man aufnehmen wollte und vor allem wie. Diesen „Geiz“ gibt es natürlich im Zeitalter des Digitalen nicht mehr: Für wenige Euros kann man mehrstündige Aufnahmen produzieren. Niemand denkt mehr ans Sparen – und folglich auch nicht daran, das Gefilmte vorab sorgfältig auszuwählen. Ich denke, dass diese Entwicklung eine Chance sein kann, aber gleichzeitig auch einen Nachteil des digitalen Films gegenüber des analogen darstellt. Wenn ich mir heute einen analog hergestellten Film ansehe, merke ich, wie sorgfältig und konsequent der Filmemacher im Vergleich zu zeitgenössischen Vertretern arbeitet, die endlos viel Material anhäufen und anschließend auswählen. Heutzutage kann man für einen Spiel- oder Dokumentarfilm mehrere Hundert Stunden Drehmaterial aufnehmen. Aber denk nur an die Leute, die nur drei Stunden Spule hatten, um einen einstündigen Film daraus zu machen ...

In den Familienfilmen wurde also wenig oder gar nichts verschwendet?

Genau, sie gehören zu einer Gesellschaft vor der Konsum- und Wegwerfgesellschaft, zu einer Gesellschaft, die weniger unnütze Dinge anhäufte und den Dingen an sich und den Inhalten eines Films größere Wichtigkeit beimaß.

Auch in dieser Hinsicht haben wir es also mit Bildern zu tun, die, wie du vorhin sagtest, von der Gesellschaft erzählen, in der sie entstanden sind – so wie die heutigen Bilder von der gegenwärtigen Gesellschaft erzählen. Und wenn du dir nun dein Archiv in dreißig Jahren vorstellen müsstest? Wahrscheinlich hätte es in der Zwischenzeit viele Tausend Stunden mit dem Smartphone oder dem Tablet aufgenommenes Alltagsleben gesammelt – was würde ein Besucher dieses zukünftigen Archivs vorfinden?

Das ist eine schwierige Frage, die wir uns in den Archiven verstärkt stellen. Nach vielen Jahren der Auseinandersetzung mit analogem Filmmaterial öffnen wir uns jetzt auch für die Sammlung von Videos. Dieser Übergang ist unvermeidlich. Wir müssen uns heute auch um die Anfänge der massentauglichen Videotechnologie (in den frühen Achtzigerjahren) kümmern, sonst gehen dieses Material und dieser Blick auf die Welt verloren. Magnetbänder sind aber viel unbeständiger als herkömmliche Filmstreifen. Allein die Menge des Materials bereitet uns große Probleme: Eine Stunde Familienfilm auf Filmstreifen kann fünf Jahre Familienleben zusammenfassen. Beim Video hingegen, auch beim analogen, hält eine Kassette vielleicht nur einen ganzen Nachmittag fest. Es kostet eben weniger und dehnt sich dadurch aus. Mit der digitalen Videotechnologie wird dieses Problem noch größer: Wie sollen wir sammeln, was ins Internet gestellt wurde oder sich noch auf den Smartphones befindet? Außerdem sind die technologischen Transformationsprozesse immer kurzlebiger geworden – ein Format hält sich nicht mehr mehrere Jahrzehnte, sondern höchstens noch ein paar Jahre. Das ist schon alles ein bisschen zum Verrücktwerden ...

Stehen 9,5mm, 8mm und Super8 nicht auch für einen bestimmten Blick auf die Welt, für eine bestimmte Ästhetik? Wenn wir nun in dreißig Jahren dieses hypothetische Archiv besuchen, das alle unsere mit den heutigen Massenmedien produzierten Aufnahmen konserviert, dann werden wir doch wahrscheinlich nur lange Plansequenzen sehen, die im Vergleich mit den historischen Familienfilmen eine Verarmung unseres Blicks bezeugen.

Mag sein. Ich glaube allerdings, dass wir uns diese Videos noch einmal mit zeitlichem Abstand genau ansehen müssten, um auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Zur Zeit befinden wir uns selbst viel zu sehr in diesem Bilderstrom, um ihn wirklich analysieren zu können. Uns fehlt der zeitliche Abstand, der letzten Endes jedes Bild interessant macht, auch das noch, das uns heute repetitiv und langweilig erscheint. Auch in diesen Bildern wird man noch einen interessanten Aspekt finden – und zwar jeder seinen eigenen. Irgendetwas, das, wie Prousts Madeleines, an ein Erlebnis aus der Vergangenheit anknüpft, auch wenn es sich nicht um die eigenen Bilder oder Privataufnahmen handelt. Das kann ein Gegenstand sein, ein Kleidungsstück oder eine bestimmte Verhaltensweise. Die Verbindung zwischen individueller und kollektiver Erinnerung ist offen und beweglich, sodass viele Menschen die Erinnerungen eines Einzelnen auch als die eigene Erinnerung anerkennen. Die Zeit wird es zeigen – wir müssen sie nur das Ihre tun lassen.

Aus dem Italienischen übersetzt von Laura Strack

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Weitere Informationen: www.interkultur.ruhr/familienfilm

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