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Dokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2019

coverDokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2019. Cover: Golnar Mehboubi Nejati. Foto (oben): Gerd Schmedes

Dokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2019

von: 
Fatima Çalışkan

Prozesse und Perspektiven kultureller und künstlerischer Praxis

Ab sofort ist die Dokumentation zum Förderfonds Interkultur Ruhr 2019 zum Download verfügbar. Mit Mitteln des Regionalverbandes Ruhr und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen wurden im letzten Jahr zum vierten Mal in Folge knapp 40 Projekte im Ruhrgebiet unterstützt. Die Dokumentation zeigt, wie vielschichtig und multiperspektivisch Kulturakteur*innen im Ruhrgebiet agieren. Die Bandbreite der behandelten Themen und Formate beweist, dass auch im vierten Jahr des Förderfonds immer wieder spannende, überraschende und neue Ideen unterstützt und sichtbar gemacht werden.

Hier geht es zum Download: Dokumentation_Förderfonds_Interkultur-Ruhr_2019_web.pdf

Der Förderfonds Interkultur Ruhr wurde 2016 als eine gemeinsame Initiative des Regionalverbands Ruhr (RVR) und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein- Westfalen (MKW) eingerichtet. Er unterstützt nachhaltige kulturelle Projekte und Kooperationen in verschiedenen Sparten, die einen Beitrag zum inter- kulturellen Leben in der Metropole Ruhr leisten. Grundsätzlich geht es darum, ein Klima interkultureller Offenheit in der Metropole Ruhr zu fördern sowie konkrete Beiträge dazu zu unterstützen und sichtbar zu machen.

Über die Projekte

Die Dokumentation soll auch in diesem Jahr einen Überblick über die Förderlandschaft verschaffen. Hierfür wurden alle Fördernehmenden per Fragebogen zu ihren Projekten befragt und die Ergebnisse ausgewertet. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

In den letzten vier Jahren wurden 174 Projekte aus allen Bereichen der Kunst – und teilweise spartenübergreifend – in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets bewilligt. Im Jahr 2019 haben 39 Projekte eine Bewilligung erhalten. Die geförderten Projekte sind hinsichtlich der Sparten breit gefächert: Theater, Film, Ausstellung und Musik. Außerdem wurden informelle Vernetzungsformate wie etwa Kulturcafés sowie diskursive Veranstaltungen gefördert.

Die Gruppe der Antragstellenden ist heterogen, sie verfolgen unterschiedliche Ziele und sprechen verschiedene Zielgruppen an. Im Fragebogen wurde häufig als Ziel genannt, das Miteinander und den Dialog allgemein zu stärken sowie die Stadtgesellschaft insgesamt ansprechen zu wollen. Einige hatten vor allem spezifische Communities im Blick. Wiederum andere orientierten sich an Altersgruppen und wollten beispielsweise vor allem junge Menschen ansprechen.

Immer mehr Migrant*innen-Selbstorganisationen stellen Anträge selbst, darunter auch Initiativen von Menschen mit Fluchterfahrung. Zeitgleich sind es weiterhin engagierte Vereine, Kollektive und Initiativen, die sich als Kooperationspartner*innen um Fördermittel bewerben. Der Förderfonds unterstützt damit die Gründung, Verstetigung und weitere Vernetzung kulturschaffender Akteur*innen der Metropole Ruhr.

Über die Themen und Ausblicke

Die Dokumentation nimmt zusätzlich Themen und Debatten in den Blick, die im Jahr 2019 von Bedeutung waren. Der thematische Schwerpunkt kreiste in diesem Jahr um Sprache, sprachliche Zugänge und Mehrsprachigkeit. Welche Barrieren werden durch Sprache aufgebaut? Haben Sprachen unterschiedliche Gewichtungen? Welche Sprachen werden geachtet, welche aberkannt? Denn die Art, wie wir miteinander umgehen, welche Haltung wir in Gesprächen haben und wie wir unsere Worte wählen, spielen eine entscheidende Rolle für ein gerechtes und solidarisches gesellschaftliches Miteinander.

„Als Kind dachte ich lange Zeit, bilingual aufzuwachsen heißt, dass man außer Deutsch auch noch Französisch oder Englisch zu Hause spricht und nicht das, was die »Polacken« und »Kanaken« tun. »Bilingual« klang wie etwas Wertvolles, während ich als Kind das Gefühl hatte, dass meine Muttersprache etwas ist, was ich besser loswerden sollte.“ (Stokowski 2019, S. 151)

Was Margarete Stokowski hier als persönliche Erfahrung schildert, nämlich die ungleiche Bewertung unterschiedlicher Sprachen, wurde wissenschaftlich überprüft, und Forschende kamen zu ähnlichen Ergebnissen. So untersuchte Karim Fereidooni rassistische Diskriminierungserfahrungen von Lehramtsstudierenden und konnte nachweisen, dass bestimmte sprachliche Kenntnisse, aber auch Akzente, abgewertet werden, bis hin zu Verboten des Sprechens weiterer Sprachen außer Deutsch im Schulkontext. Die Linguistin Bridget Ngencho Fonkeu schildert, eine weitverbreitete Annahme bestehe außerdem darin, dass Deutschland ein einsprachiges Land – also monolingual sei. Tatsächlich ist es ein multilinguales Land. Im Interview mit Interkultur Ruhr sprechen sie und Muheez Kukoyi und Delphine Ydi von der Silent University über die Sprachvielfalt in Deutschland.

„Sind es also der Aufstieg, die Emanzipation und die Sichtbarkeit der Minderheiten, die die Gesellschaften Europas so stark polarisieren, weil sie Anerkennung einfordern, die nur gewährt werden kann, wenn sich etablierte privilegierte Positionen öffnen?“ (Foroutan 2019, S. 20)

Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan untersucht in „Die postmigrantische Gesellschaft“ gesamtgesellschaftliche Prozesse im Kontext von Migrationsbewegungen in der Nachkriegszeit. Sie behandelt dabei weniger die Migration selbst, als vielmehr Prozesse, Spannungen und Polarisierungen, die dahinterstehen und sich auf die Gesamtgesellschaft Deutschlands beziehen. Soziale Anerkennung, Verteilungsgerechtigkeit, Selbstbeschreibung und die Verfasstheit einer pluralen Demokratie stehen im Vordergrund ihrer Arbeit. Aus dieser wissenschaftlichen Einschätzung heraus lassen sich Verbindungen zur Praxis der Förderprojekte ziehen: Besonders wichtig bleibt weiterhin die Unterstützung aus der Selbstorganisation migrantisierter Akteur*innen entstandene Projekte. Vereine, die jahrelang vorwiegend mit eigenen Mitteln Formate initiiert haben und sich nun immer stärker an der institutionellen Förderpraxis beteiligen sowie Menschen mit Fluchterfahrung, die nun selbst Anträge stellen können, sind wichtige Entwicklungen für eine gerechte Teilhabe aller. Von Bedeutung ist auch die Verstetigung solidarischer Praxis und demokratischen Zusammenhalts in der Region. Die geförderten Projekte beweisen, dass partnerschaftliche Zusammenarbeit und Selbstorganisation wichtige Bestandteile gesamtgesellschaftlichen Lebens darstellen.

Projektförderung 2020

Das Team Interkultur Ruhr ist hoch erfreut, dass mit Hilfe des Regionalverbands Ruhr (RVR) und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein- Westfalen (MKW) künstlerische, (sozio-)kulturelle und interdisziplinäre Projekte unterstützt werden können. Wir sind sehr gespannt auf die Weiterentwicklungen einiger Initiativen sowie auf neue künstlerische und kulturelle Kooperationen und Beiträge in allen Sparten des Kunst- und Kulturschaffens in der Region.

Mehr über die anstehende Freigabe des Förderfonds Interkultur Ruhr 2020 in Kürze > hier.

> Dokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2018

> Dokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2017

> Dokumentation Förderfonds Interkultur Ruhr 2016

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