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Netzwerk für eine andere Theaterlandschaft

RUHRORTER

Netzwerk für eine andere Theaterlandschaft

von: 
Max Florian Kühlem

Eine dauerhaft veränderte, transkulturelle Theaterlandschaft in Deutschland – diese Utopie verfolgt ein neues Netzwerk, das sich vom 21. bis 24. März 2019 zum bundesweiten Arbeitstreffen „Post-Heimat – Encounter #2“ am Theater an der Ruhr trifft. Es führt neben den Gruppen Boat People Projekt (Göttingen), Collective Ma'louba (Mülheim, Theater an der Ruhr), Exil Ensemble (Berlin, Maxim Gorki Theater), Hajusom (Hamburg), Open Border Ensemble (Münchener Kammerspiele) und RUHRORTER (Mülheim, Theater an der Ruhr) weitere Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, sowie Gruppen und Initiativen aus NRW zusammen, deren Theaterarbeit in besonderer Weise mit Herausforderungen durch Migration, Flucht und Exil verknüpft ist. Interkultur Ruhr unterstützt das Netzwerk inhaltlich, monetär und zu Fragen der weiteren Vernetzung im Ruhrgebiet.

Max Florian Kühlem traf den Leiter der Gruppe RUHRORTER Adem Köstereli und Produktionsleiter und Dramaturg Immanuel Bartz vom Collective Ma’louba zum Gespräch.

Vielleicht können wir uns den Zielen des neuen Netzwerks annähern, indem wir uns die konkreten Konzepte eurer Gruppen anschauen. Adem, wie funktioniert RUHRORTER?

Adem Köstereli: RUHRORTER ist ein 2012 gegründetes Kunst- und Theaterprojekt mit Geflüchteten am Theater an der Ruhr. Wir sehen Flucht als einen Aspekt von Migration und Neuverortung, der nicht auf die Gegenwart oder einen Ort reduziert werden kann. RUHRORTER wurde von ehemaligen Teilnehmer*innen des Jungen Theaters an der Ruhr entworfen und sieht sich der Philosophie des Theater an der Ruhr verbunden, die sich seit 35 Jahren mit den Themen Fremdheit, Migration und Subjektivierung auseinandersetzt. Das heißt für uns, dass wir uns in erster Linie als ein Kunstprojekt ansehen, das Theater als Labor für soziale Fantasien betrachtet. Zu Beginn des Projekts sind wir einfach in die Unterkünfte gefahren, haben dort Menschen angesprochen und kennengelernt, und das tun wir immer noch. So entstanden das Theaterstück auf der Probebühne des Jungen Theater an der Ruhr und Performances in den Unterkünften. Wir haben uns allerdings von Anfang an gegen dokumentarisches, autobiographisches Theater entschieden. Es kann nicht unser Anspruch sein, Geflüchtete nach Opfergeschichten abzufragen, als Rechtfertigung, warum sie in Deutschland sind und vielleicht als Legitimation für einen Status des „Flüchtlings“.

Das Ziel von RUHRORTER ist die Suche nach ästhetischen Formen, um mit den Mitteln der Kunst und der forschenden Dokumentation ein Korrektiv gegen die stereotype Kategorisierung und Ausgrenzung von Geflüchteten – sowohl in der Bürgergesellschaft, als auch in den Medien und der dokumentarischen Kunst – zu entwerfen. Unser ästhetisches Programm widerspricht der Idee, dass Schauspieler*innen oder Performer*innen nur sich selbst darstellen sollen. Unsere Utopie ist, dass sich auf der Bühne jene Kategorien auflösen und im besten und gelungenen Fall die Zuschauer*innen nicht verorten können, um wen es sich dort handelt.

Wir sitzen gerade im Gebäude, in dem die Probebühne des Theaters an der Ruhr untergebracht ist. Es ist an der Ruhrorter Straße, nach der sich die Gruppe benannt hat, und während des Netzwerktreffens zeigt RUHRORTER hier eine Arbeit. Wie sieht die aus?

Adem Köstereli: Dieser Gebäudekomplex wurde 1936 als Zentrale der Ladenkette Schätzlein errichtet und später um Büro- und Depotflächen erweitert. Ab Ende des Jahres 1990 dienten Teile des Hauses als Notunterkünfte für Spätaussiedler und kurz darauf auch für geflohene Menschen aus Ex-Jugoslawien. Seit 2003 stehen Großteile des Gebäudes, auch die ehemaligen Wohnbereiche komplett leer. Wir haben uns 2014 entschieden, uns dokumentarisch dem Komplex „Flucht und Migration im Ruhrgebiet“ mittels Klang- und Rauminstallation zu nähern. Beim Netzwerktreffen zeigen wir hier die Installation „Idealstadt Radio“. Die internen Besucher*innen des Netzwerktreffens können sich auf der ersten Etage frei bewegen und circa 15 leere, ehemalige Wohnräume entdecken. Dort gibt es noch einige wenige Spuren, etwa Graffiti, zu sehen und wir zeigen dort verschiedene historische Dokumente und es wird Soundstationen geben. Über sie sind die Geschichte dieses und weiterer Leerstände in Mülheim an der Ruhr zu hören und Interviews, die von individuellen Lebensgeschichten und Vorstellungen eines zukünftigen Zusammenlebens handeln.

Warum war es notwendig, das Collective Ma’louba zu gründen, obwohl es am Theater an der Ruhr doch schon RUHRORTER gab?

Immanuel Bartz: Es war am Theater gewünscht, denn es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den Gruppen: Bei uns sind ausschließlich professionelle Künstler*innen am Gesamtprojekt beteiligt. Bei RUHRORTER sind hinter der Bühne die Meisten Profis und auf der Bühne stehen oftmals Laien. Da war es in erster Linie der Fluchthintergrund, der den Zugang zur Gruppe ermöglicht hat. Das Collective Ma’louba knüpft an ein anderes Projekt des Theaters an der Ruhr an, das Theater Pralipe. Das war ein exil-jugoslawisches Ensemble, bestehend aus Roma, die während der Balkankriege in ihrer Heimat nicht mehr arbeiten konnten. Die Gruppe blieb über zehn Jahre am Haus, Teile sind heute noch im Technikbereich, einige sind in Köln aktiv. Als jetzt während der Flüchtlingskrise auch viele Theaterschaffende nach Deutschland kamen, wollte man wieder darauf reagieren. Das ist zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber in der Symbolik und lokalen Wirkung trotzdem entscheidend, weil Integration auch über Kultur funktioniert. Das Collective Ma’louba bietet Künstler*innen, die ins Exil gehen mussten, einen professionellen Rahmen. Es wird in der Muttersprache der Künstler*innen produziert und das Theater an der Ruhr unterstützt das Kollektiv seitens der Technik und in der Logistik. Das Projekt ist perspektivisch und langfristig angelegt und die Inszenierungen finden inhaltlich in völliger Autonomie zum Theater an der Ruhr statt.

Beide Gruppen sind jetzt Teil eines neuen Netzwerks, das sich ab dem 21. März im Theater an der Ruhr trifft. Wie heißt das Netzwerk eigentlich und wofür steht es?

Immanuel Bartz: Das Netzwerk hat noch keinen Namen. „Post-Heimat“ war schon der Titel für ein erstes Treffen der sechs Gruppen an den Kammerspielen München und steht jetzt mit dem Zusatz „Encounter #2“ auch über dem zweiten Treffen. Zunächst sollen die Inhalte des Netzwerks in Workshops festgelegt und konkretisiert werden. Ein nächster Schritt wird dann sein, dem Kind einen Namen zu geben.

Adem Köstereli: Das erste Treffen kam zustande, weil wir einen persönlichen Kontakt zu den Münchner Kammerspielen hatten. Unsere Kontaktpersonen hat damals ganz konkret die Frage beschäftigt: Wie können wir Künstler*innen im Exil eine nachhaltige Chance bieten, professionell weiterzuarbeiten? Darüber haben wir uns ausgetauscht und festgestellt, dass es bundesweit noch weitere Gruppen gibt, die sich mit diesen oder ähnlichen Fragen beschäftigen. Wir haben auch über Anforderungsprofile, z. B. für die Funktion einer Produktionsleitung, diskutiert. Welchen Hintergrund sollten die Personen haben, welche Sprachen sollten sie können und welche Netzwerke sind hilfreich? Aber auch darüber, wie wir gemeinsam in Institutionen wirken können, gegen Rassismus und für mehr Diversität im Theaterbetrieb? Daraus ist dann die Idee entstanden, in einem breiteren Netzwerk diese und weitere Fragen zu diskutieren. Allerdings hatten wir zu der Zeit de facto kein Budget.

Immanuel Bartz: Jetzt werden wir als Netzwerk, erstmal bis 2021, über die Kulturstiftung des Bundes und über das Ministerium für Kultur und Wissenschaft in NRW gefördert.

Wie kann man mit so einem Netzwerk in die Breite der Theaterlandschaft wirken?

Immanuel Bartz: Mit den Münchner Kammerspielen und dem Maxim Gorki Theater Berlin sind bereits zwei wichtige Häuser am Netzwerk beteiligt, die natürlich weitere Kontakte haben. Wir hoffen, dass wenn wir immer weiter die Gespräche suchen und Forderungen stellen, der Kreis an Mitstreiter*innen immer größer wird und sich an den Entscheidungs- und Machtstrukturen tatsächlich etwas verändern wird. Dies muss sowohl auf der Ebene der Hochschulen, freien Theatergruppen und festen Häuser passieren, als auch auf der Ebene der Kulturpolitik. Wer da für uns gerade sehr relevant ist, ist Özlem Canyürek aus Berlin, die im Fach Kulturpolitik an der Universität Hildesheim promoviert. Sie hat 140 Theater gescreent und beschäftigt sich jetzt spezifisch mit drei Gruppen: RUHRORTER, Boat People Projekt und Hajusom. Beim Netzwerktreffen wird sie einen Workshop zu unseren kulturpolitischen Forderungen leiten.

Bricht gerade schon etwas auf in der deutschen Theaterlandschaft?

Immanuel Bartz: Ich glaube, es muss zumindest über gewisse Themen gesprochen werden. Keine neue Intendant*in kann es sich mehr leisten, in ihrer ersten Pressekonferenz nicht mindestens das Thema Diversität zu behandeln. Aber ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was an der Oberfläche passiert, und dem, was sich dann tatsächlich an den Hierarchie-Ebenen innerhalb der Theaterstrukturen verändert. So schützenswert ich das deutsche Stadttheatersystem unter bestimmten Gesichtspunkten finde – so bekommen wir leider immer wieder mit, wie dort bestimmte Hierarchie- und Machtstrukturen über Jahrzehnte gewachsen sind und nicht hinterfragt werden. Wie Diskriminierung, Sexismus und Rassismus im Arbeitsalltag praktiziert werden. Erst in den letzten Jahren hat hier eine längst überfällige Debatte in einer großen Breite an Fahrt aufgenommen. Diese Debatte muss weiter, noch breiter und viel konsequenter geführt werden.

Info

Am Samstag, den 23.03.2019 um 19:30 Uhr öffnen sich die Türen für die interessierte Öffentlichkeit, mit einer Produktion vom Collective Ma‘louba, Publikumsgespräch und anschließender Party.

Programm
19:30-21:00 Uhr: Your Love Is Fire
Mudar Alhaggi | Produktion: Collective Ma‘louba
arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln
21:30-22:15 Uhr: Publikumsgespräch
Moderation: Immanuel Bartz
22:30-02:00 Uhr: Party

Eintritt zur Abendvorstellung: 23,50 Euro / ermäßigt 9 Euro / für Geflüchtete frei.

Weitere Information: www.interkultur.ruhr/kalender/post-heimat-arbeitstreffen

Boat People Projekt
Collective Ma'louba
Exil Ensemble
Hajusom
Open Border Ensemble
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