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Neue Archive – Neue Erinnerungen

cafe kosmos

Neue Archive – Neue Erinnerungen

von: 
Betty Schiel

Café Kosmos – Reinszenierungen von Realität im regionalen Familienfilm

No Future without a past – Save Your Place in Film History! lautete der Titel einer Diskussion, die das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund|Köln 2016 im Rahmen der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin veranstaltete. Kurz gesagt ging es darum, wer heute darüber entscheidet, was wir morgen erinnern. Ausgehend von der Notwendigkeit, das deutsche Filmerbe zu digitalisieren, stellt sich brandheiß die Frage, welche Filme dafür ausgewählt werden. Direkt damit verknüpft ist eine Debatte um einen sogenannte nationalen Filmkanon, der festschreibt, welche Geschichte(n) als so relevant eingestuft werden, dass sie reproduziert und neu erzählt werden und welche nicht. Was kann man dieser monolithischen Kanonbildung entgegensetzen?

Das Archiv passiert uns nicht einfach. Es wird ausgewählt, gesammelt, bewahrt, restauriert, sondiert und der Forschung und Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt (oder nicht), um dann möglicherweise mit der Gegenwart in einen neuen Bezug zu treten. Es gibt keine Geschichtsschreibung außerhalb des Archivs.

"Keine politische Macht ohne Kontrolle des Archivs, wenn nicht gar des Gedächtnisses. Die wirkliche Demokratisierung bemisst sich stets an diesem essentiellen Kriterium: an der Partizipation am und dem Zugang zum Archiv, zu seiner Konstitution und zu seiner Interpretation." (Jacques Derrida)

Archive sind keine neutralen Orte, in denen Wissen einfach nur verwahrt wird. Das Archivieren an sich ist ein aktiver Prozess, bei dem – ähnlich wie bei der Montage eines Films – Kausalzusammenhänge und Sichtweisen aktiv geschaffen werden. Die filmischen Arbeiten von Frauen, People of Color und anderen sogenannten Minderheiten, die prozentual eigentlich in der Mehrheit sind, müssen in deutschen Filmarchiven wie Nadeln im Heuhaufen gesucht werden. Als Kuratorin für das Frauenfilmfestival sehe ich das seit über 20 Jahren als wesentlichen Teil meiner Arbeit.

„If we understand the archive as the foundation from which history is written, a diversification of cultural memory can only be granted if the archival context represents multiple narratives and images, instead of providing representation which would stabilize rather than re-negotiate hegemonic narratives. Filmmaking by minorised persons can thus be regarded as an archival intervention.“ (Dagmar Brunow, Remediating Transcultural Memory)

Als ich von dem Archiv-Projekt Schmelztiegel Ruhrgebiet – Alltag schreibt Geschichte hörte, war mein Interesse sofort geweckt: Interkultur Ruhr begann 2018, Amateurfilme aus dem Ruhrgebiet zu sammeln und zu digitalisieren. Fast 1000 Schmalfilme aus privaten Beständen wurden von Bewohner*innen des Ruhrgebiets abgegeben, die einem öffentlichen Aufruf gefolgt waren. Zwar stand bei dem Großteil der Amateurfilme wahrscheinlich (?) ein Mann hinter der Kamera, doch es zeigte sich, dass Bild und Handlung häufig von den weiblichen Protagonistinnen dominiert werden. Interessant und eine politische Handlung ist es nun, wie und mit welcher Haltung man das Material auswählt und präsentiert. Durch ihren privaten Charakter verdienen die Familienfilme dabei besondere Sorgfalt, denn anders als künstlerische Arbeiten waren sie ja eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

Für die Programmauswahl des Frauenfilmfestivals ist für mich eine erste Fragestellung: Wie sind Frauen an welcher Stelle bei der Produktion des Films beteiligt, und wie werden sie dargestellt? Lässt sich das Material feministisch lesen? Geht es über das rein Private hinaus?

Da meine Eltern in meinem Geburtsjahr selbst eine 8mm-Kamera kauften, sind mir viele Szenarien dieser Schmalfilme eigentümlich vertraut. Forschungen zum Gedächtnis zeigen, dass wir uns nicht an das eigentliche Ereignis erinnern, sondern an unsere letzte Erinnerung daran. Die Super 8-Filme, die in schöner Regelmäßigkeit im engen Familienkreis von uns geschaut und kommentiert wurden, sind der eigentliche Träger vieler meiner aktiven Kindheitserinnerungen. Wer damit aufgewachsen ist, spürt selbst zu fremden Familienfilmen eine eigentümliche Nähe.

Bestimmte Sequenzen wie Kinds-Taufen, Feiern im Partykeller, Mütter, die stolz ihre Kleinkinder vor der Kamera präsentieren, scheinen fast archetypisch zu sein, weil sie in Variationen so oft vorkommen. So zeigt eine banale Szene in der Wiederholung ihren strukturellen Charakter. Wir sehen, wie in bestimmten Verhaltensoptionen und Kostümierungen Kinder zu Mädchen und Jungen gemacht werden, und wie für Vater und Mutter, Frau und Mann im Laufe der Jahrzehnte Rollenzuschreibungen immer neu verhandelt werden.

Der Höhepunkt der Super 8 Amateurfilmleidenschaft fiel im Ruhrgebiet und der Bundesrepublik mit großen gesellschaftlichen Umwälzungen und der zweiten Frauenbewegung zusammen. Die private Super 8-Kamera wird zum Medium, in dem sich die Neuerzählung von Rollenmodellen und Lebensentwürfen, die sich langsam in den westdeutschen Alltag hineinschiebt, erproben und erweitern lässt. Die Filmer*innen haben dies oft mit viel Witz getan. So haben sie als Kollektiv ein sehenswertes Film-Archiv hinterlassen, das heute neu gelesen werden kann mit den jeweiligen politischen Haltungen, die wir als Kurator*innen und Zuschauer*innen einnehmen können und wollen.

Das Programm Café Kosmos ist thematische eingebettet in den Fokus des Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln Bilderfallen: Täuschung, Tarnung, Maskerade. Die Filme in der Reihe „Neue Archive“ erzählen davon, wie es sich anfühlt, nicht Teil einer kollektiven Erinnerungskultur zu sein, und was man tun kann, um dennoch gehört und erinnert zu werden.

 

> Café Kosmos, Sa, 13.04.2019, 18 Uhr, domicil Dortmund

> Café Kosmos, Mi, 17.04.2019, 20 Uhr, Lichtspiele Kalk in Köln

> www.frauenfilmfestival.eu

 

Betty Schiel, freie Kuratorin, geb. 1969, lebt im Ruhrgebiet. Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Romanistik, Germanistik (M.A.). Seit 1996 freiberuflich als Journalistin, Filmemacherin, Filmkuratorin tätig, maßgeblich für das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln. Zuletzt u. a. Projektreihe "Kultur @ Gefängnis" im Ruhrgebiet, Kuratierung des Länderschwerpunkts "Über Deutschland" beim IFFF 2018 und „Neue Archive“ beim IFFF 2019, Filmprogramm "In This Together" über Migration beim Women Make Waves Film Festival Taipeh, sowie dramaturgische Beratung für das Transnationale Ensemble Labsa. Jurytätigkeit u.a. in Tel Aviv, Yerivan, Innsbruck, Prishtina, Seoul, Bozen, Taipeh.

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